Achtung Schafe

Titelbild Sulawiki


Traditionelle Nutztierrassen im Süden der Erde

Hirtenvölker und ihre tradionellen Tiere

Die Liga der Hirtenvölker ist ein internationaler Verband, der sich für den Wert und die Belange dieser traditionsreichen und bedrohten lebensweise einsetzt.
Es geht um kulturelle und wirtschaftliche Entwicklungen, aber auch die genetischen Besonderheiten der alten Nutztirerarten stellt in der globalisierten Landwirtschaft ein Politikum dar.


Susanne Gura hat einen ausführlichen Bericht über die Bedeutung der Genreserven traditioneller Hirtentiere geschrieben, aus dem hier ein Auszug veröffentlicht wird.

"Traditionelle Rassen und Produktionssysteme
müssen erhalten werden


Für mehrere Hundert Millionen Menschen im Süden bilden traditionelle Nutztierrassen und Tierproduktionssysteme eine unverzichtbare Lebensgrundlage. Im Folgenden werden sieben weitere Gründe angeführt, warum die traditionellen Rassen erhalten werden müssen.

1. Traditionelle Rassen sind an die Umwelt-, wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Bedingungen des Südens angepasst:
So widerstehen beispielsweise die Sanga-Rinder in Südafrika dem “East Coast Fever” und den Zecken, die es übertragen. N’Dama und mindestens 15 weitere afrikanische Rinderrassen sind trypanotolerant, d.h. weniger anfällig für eine der wirtschaftlich schädlichsten Rinderkrankheiten Afrikas, der Trypanosomiasis.
Die Raika in Rajasthan, Indien, haben Schafrassen, die an extreme Temperaturen gewöhnt sind. Sie halten mehrere Rassen nebeneinander, um gegen die Risiken der Region gewappnet zu sein. Häufig wird neben einer widerstandsfähigen Rasse, die in schlechten Jahren ein Minimaleinkommen sichert, auch eine produktive lokale Rasse gehalten, um gute Jahre zu nutzen.


2. Dagegen haben im Süden in vielen Fällen die Hochleistungsrassen aus dem Norden und oft auch Kreuzungen versagt:
Das südafrikanische Nguni-Rind ist genügsam und widerstandsfähig. Trotzdem hat der Staat eine Kreuzung mit europäischen Hochleistungsrassen gefördert, die jedoch bessere Haltungsbedingungen voraussetzten und so für Kleinbauern unerschwinglich waren. Nun greift man wieder auf die inzwischen dezimierten Nguni-Rinder zurück.
In Mexiko wird heute das Criollo-Schwein wegen seiner angepassten Futteransprüche und seiner Fleischqualität wieder geschätzt, nachdem es von importierten Rassen fast verdrängt worden war.
Durch die “Operation Coq” wurden in den Siebziger Jahren in ganz Nigeria Hähne einer Hochleistungsrasse verbreitet, nachdem die in Industrieländern ausgebildeten Veterinäre feststellten, dass die einheimischen Rassen ständig krank waren und daher zuwenig produzierten. Kein einziger der exotischen Hähne überlebte die Dorfbedingungen.


3. Traditionelle Rassen sind gegenüber spezialisierte Hochleistungsrassen oft produktiver, dürfen aber in der Weiterentwicklung nicht vernachlässigt werden:
Einige indische Zebu-Rinderrassen (z.B. Ongole, Gir, Kankrei) wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts unter anderem in Brasilien und Australien züchterisch verbessert und stellen erstklassige Fleisch- oder Milch/Fleischrinder dar. In Indien selbst wurde diese Entwicklungsmöglichkeit allerdings fast völlig versäumt, obwohl besonders dann, wenn nicht nur ein Produkt betrachtet wird, sich die Stärke traditioneller Rassen zeigt. So wurde in Botswana schon 1970 festgestellt, dass die Produktivität der Vielzweckherden fast doppelt so hoch war, wie die der Fleischrassen auf spezialisierten Farmen.


4. Traditionelle Rassen erfüllen viele Bedürfnisse von kleinbäuerlichen Gemeinschaften:
Zugtiere sind im Süden die wichtigste Energiequelle für Bodenbearbeitung und ländlichen Transport. Allein in Asien werden 300 Millionen Zugtiere genutzt. Hinzu kommen die Nutzung der Tiere bzw. ihrer Produkte für Ernährung, Düngung, Brennmaterial, Einkommen und die Funktion der Tiere als finanzielle Absicherung. Tierhaltung ist eine Möglichkeit zum Zugang und zur Nutzung von Land, das der Dorfgemeinschaft gehört. Viele soziale und kulturelle Funktionen wie Reichtum, Mitgift oder Brautpreis werden durch Nutztiere erfüllt. Auch Frauen leisten im großen Umfang Züchtungsarbeit, was ihr Ansehen in der Gemeinschaft stärkt. Hochleistungsrassen aus dem Norden oder Kreuzungen erfüllen die Bedürfnisse kleinbäuerlicher Gemeinschaften im Süden kaum.


5. Marginale Gebiete können durch traditionelle Rassen genutzt werden:
Trotz des Überweidungsproblems ist die Weidewirtschaft die wichtigste Möglichkeit zur Nutzung vieler Regionen, die sich für den Anbau von Nahrungspflanzen kaum eignen. Für die rund 640 Millionen Subsistenzbauern, 190 Millionen Pastoralisten und über 100 Millionen Landlose, die Tiere in weniger fruchtbaren Gebieten halten, könnte die Förderung ihrer traditionellen Rassen ein Weg aus der Armut sein.


6. Die Hochleistungs-Tierproduktionssysteme könnten künftig auf Gene der traditionellen Rassen angewiesen sein:
Weil die genetische Vielfalt der Hochleistungsrassen durch die intensive Nutzung einzelner Individuen – vor allem bei Holstein-Rindern - eng geworden ist, wird immer häufiger befürchtet, daß Krankheiten ganze Bestände schädigen könnten. Genetisch bedingte Resistenzen gegenüber Krankheiten werden kaum noch zu finden sein und so wird befürchtet, dass man in Zukunft noch tiefer in die Veterinär-Apotheke greifen muss. Die lebensnotwendigsten Charakteristika sind bei Hochleistungsrassen oft nicht mehr vorhanden. Die Fortpflanzung von Truthähnen und einigen Schweinerassen funktioniert wegen ihrer überentwickelten Muskulatur an Brust bzw. Hinterbeinen nur noch durch künstliche Besamung. Rinder haben ihren Mutterinstinkt verloren. Hühner können nicht mehr brüten. Für die Freilandhaltung stehen den HühnerzüchterInnen kaum noch geeignete Rassen zur Verfügung.


7. In den traditionellen Rassen gibt es kommerziell verwertbare Gene: Schon allein um Vitalität und Fitness unserer Nutztiere zu erhalten, ist das Genmaterial der traditionellen Rassen notwendig.
Zumal die meisten wildlebenden Artverwandten ausgestorben sind, werden die Rassen der Hirtenvölker und TierhalterInnen im Süden für die kommerzielle Tierzucht der Industrieländer immer interessanter. 1990 importierte Australien Embryos von 269 Tuli- und 264 Boran-Rindern aus Simbabwe und Sambia, um der Nordaustralischen Rinderzucht aus der Krise zu helfen. N’dama-Rinder aus Südafrika verhalfen den Südstaaten der USA zu einer neuen krankheitsresistenten Rasse, den Senapol-Rindern. Das patentierte ‘Booroola’-Gen, das für ein hohes Auftreten von Mehrlingsgeburten bei Merinoschafen sorgt, stammt ursprünglich vom Garole-Schaf der Haider aus der Sunderban-Region in Indien und ist bei einer indonesischen Rasse ebenfalls bekannt. Nachdem es zunächst in Australien und Israel genutzt worden war, wurde es kürzlich in Neuseeland patentiert."



Daten und Ideen dieses Artikels, wenn nicht anders vermerkt, stammen überwiegend aus „Securing tomorrow’s food. Promoting the sustainable use of farm animal genetic resources. Published by League for Pastoral Peoples, 2002" (gorikr@t-online.de) und den dort angegebenen Quellen.
Seite aktualisiert am 10.06.2009
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